Ein Leica-Buch der Extraklasse
Rezension von Alfred Wehner


Hans-Günter Kisselbach:
Barnacks erste Leica

Seit der Gründung der Leica-historischen Vereine kam manches Buch über die historischen Aspekte der Leica auf den Markt: Handbücher für Sammler, Nummernlisten, Bücher, in denen Prototypen, Raritäten und ungewöhnliche Stücke beschrieben wurden. Nie jedoch erschien ein umfangreiches Buch, das nur einer einzigen Kamera gewidmet war. Jetzt ist es da, LH-Mitglied Hans-Günter Kisselbach hat es geschrieben, und er lässt uns am zweiten Leben einer vergessenen historischen Kamera teilnehmen.

Um es vorweg zu sagen: Der Titel „Barnacks erste Leica“ wird Stirnrunzeln hervorrufen, nennt die Literatur doch die „UR-LEICA“ als Ausgangspunkt der Leica-Entwicklung. Das ist richtig, doch die UR-LEICA (Barnack nannte sie „Lilliput“-Kamera) war weit entfernt von jener Konstruktion, die zunächst den Namen „Barnack-Kamera“, dann „Leca“, dann „Leica“ trug.

Die Kamera, welche in Kisselbachs Buch beschrieben wird, entspricht jedoch in den Abmessungen und in der Funktion, vor allem aber im Objektiv „Leitz=Anastigmat“ den Nullserien-Kameras. Sie ist historisch vor den Nullserienkameras einzuordnen, der Autor nennt sie deshalb zu Recht „Barnacks erste Leica“, denn was vor ihr lag, hatte andere Maße und andere Funktionsabläufe als die Leica.

Diese Kamera war von Hand gefertigt worden, zeigte einen wichtigen Entwicklungsschritt hin zu den Nullserienmodellen und ließ Barnack gleichzeitig erkennen, dass er hinsichtlich der Verschlusskonstruktion einen anderen Weg gehen musste – worauf  „Barnacks Handmuster“ einstweilen zur Seite gelegt wurde. Erst im 21. Jahrhundert erweckte Hans-Günter Kisselbach es wieder zu neuem Leben und zu neuen Abenteuern. Wie er das machte, wie es ihm gelang, Barnacks erste Leica ohne Eingriff in das Innenleben zu einer einwandfrei arbeitenden Kamera zu machen, das liest sich fast wie ein technischer Krimi. Für den technisch interessierten Leser sind diese Passagen sowie die Details dieser einzigartigen Kamera wahre Leckerbissen, für den Historiker stellen die doppelseitigen „überlebensgroßen“ Abbildungen der Kamera eine wichtige Quelle zur Erforschung der Entwicklungsgeschichte der Leica dar.

Das professionell gestaltete großformatige Buch bleibt jedoch nicht bei der Beschreibung dieser Kamera stehen. Es bietet mehr und wesentlich anderes als die üblichen Sammler-Bücher. Der Autor hat mit der Kamera fotografiert, im Alltagsgeschehen, bei Reisen, mit der Tochter von Freunden als „Fotomodell“, während der Fußball-WM 2006 und vor allem auf Barnacks Spuren in Wetzlar. Es gelang ihm trotz der technischen Handicaps, mit deren Hilfe er die Kamera wieder funktionsfähig gemacht hatte, packende Schnappschüsse einzufangen. Diese Reportagen bilden neben der Kamera einen zweiten Schwerpunkt des Buches. Die Bilder sind drucktechnisch hervorragend wiedergegeben. Wer dennoch die Qualität des ersten Exemplars von Max Bereks „Leitz=Anastigmat“ aus erster Hand erleben möchte, findet als Beilage zum Buch eine Original-Farbvergrößerung 15x22,5 cm. Bei der Vorstellung des Buches in Wetzlar gab es als Ratespiel zwei Vergrößerungen eines identischen Motivs zu sehen, einmal mit Bereks Leitz=Anastigmat und dann mit einem Summicron-R 50 mm fotografiert. Von den 150 Gästen konnten nur drei Personen die Bilder den Objektiven richtig zuordnen.

Hans-Günter Kisselbachs Buch ist sowohl ein Sachbericht als auch ein Erlebnisbericht. Hier erzählt ein begeisterter Leica-Liebhaber in sehr persönlicher Weise seine Mühen und seine Freuden mit dieser Kamera, er nimmt den Leser mit in seine Welt, er lässt ihn in einem Interview mit dem Leica-Doktor Ottmar Michaely das Innenleben der Kamera erkennen und er wandelt fotografisch auf Barnacks Spuren in Wetzlar – sogar ein Stadtplan mit den Standpunkten, von denen aus Barnack fotografierte ist abgedruckt. Barnacks Aufnahmen und die neuen Fotos mit Barnacks erster Leica sind einander gegenübergestellt.

Um noch einmal auf den Titel des Buches zurückzukommen: Er ist mit der Bezugnahme auf Barnacks erste Leica recht bescheiden ausgefallen. Wer das Inhaltsverzeichnis liest, wundert sich, was noch alles an historisch höchst interessanten Kapiteln geboten wird, sodaß der Rezensent den Titel eher „Barnacks erste Leica und weitere Schätze aus dem Archiv von Theo Kisselbach“ nennen möchte. Denn dieses Buch ist  LH-Gründungsmitglied Theo Kisselbach gewidmet, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

So finden wir als Erstveröffentlichung den gesamten Vortrag einschließlich aller Bilder, den Theo Kisselbach 1979 bei der Barnack-Ausstellung in München gehalten hat. Wir finden als Erstveröffentlichung 12 Seiten aus dem Gästebuch der Leica-Technik mit Widmungen bedeutender Fotografen wie z.B. Henri Cartier-Bresson und seiner Magnum-Kollegen.

Eine weitere Erstveröffentlichung ist die Reproduktion und Transkription des handschriftlichen Manuskriptes, welches Oskar Barnack für die Werbebroschüre zur Leica II verfasste, einschließlich der kompletten Wiedergabe der gedruckten Bedienungsanleitung vom Februar 1932 und ihrer zweiten Ausgabe vom Juni 1932. In der Druckwiedergabe sind die wortgetreu übernommenen Passagen Oskar Barnacks farbig unterlegt. Hier zeigt sich Barnack nicht nur als kritischer Konstrukteur, sondern als fachkundiger und dem Amateur freundschaftlich zugewandter Autor. Wenn man diese Texte liest, fragt man sich, warum man nicht auch heute die Konstrukteure selbst zu Wort kommen lässt, statt deren Gedanken in die glatten Sätze der Werbetexter mit ihren ewigen Superlativen einzuhüllen.

Aus Theo Kisselbachs Archiv stammen auch die Reproduktionen der Kontaktabzüge der Aufnahmen, die Barnack mit der UR-LEICA gemacht hatte; der Autor nahm sie zum Anlass für Vergleichsüberlegungen, inwieweit man von den Charakteristika der Negative auf die jeweilige Kamera schließen kann – eine Anregung für jedermann, der eine alte Leica besitzt.

Das Buch im Format 27,5 x 29,5 cm umfasst 216 Seiten, durchgehend 5-farbig auf 200g/qm Papier gedruckt und hat einen geprägten Leineneinband mit Schutzumschlag. Es wurde in einer Auflage von 3000 Exemplaren in der BRD gedruckt und gebunden. Die sehr großzügige Gestaltung besorgte Dipl.-Designerin Barbara Horn in enger Zusammenarbeit mit dem Autor, die hervorragenden Studio-Aufnahmen der Kamera steuerte Frank Deinhard bei.

Der Vertrieb erfolgt durch den Buchhandel, Fotohandel oder direkt durch Lindemanns Verlag in Stuttgart.
ISBN-Nr: 978-3-89506-282-7
Preis: 59,90 EURO

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